2 Tem, 2018

Hörbuch – Das alte Haus ( Eski ev )

 

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Hans Christian Andersen
Das alte Haus

Drüben in der Straße stand ein altes, altes Haus, das war fast dreihundert Jahr alt, so konnte man an einem Balken lesen, an dem die Jahreszahl zugleich mit Tulpen und Hopfenranken eingekerbt war. Da standen ganze Verse in der Schreibweise alter Tage, und über jedem Fenster war ein fratzenhaftes Gesicht in den Balken eingeschnitten. Das obere Stockwerk hing weit über das untere, und unter dem Dache war eine Bleirinne mit Drachenköpfen. Das Regenwasser sollte aus dem Rachen herauslaufen, aber es lief aus dem Bauche, denn es war ein Loch in der Rinne.

Alle anderen Häuser in der Straße waren so neu und so nett, mit großen Scheiben und glatten Wänden, und man konnte wohl sehen, daß sie nichts mit dem alten Haus zu tun haben wollten. Sie dachten wohl: “Wie lange soll das Gerümpel hier noch der Straße zur Schande stehen bleiben. Der Erker steht so weit heraus, daß niemand aus unseren Fenstern sehen kann, was auf der anderen Seite geschieht! Die Treppe ist so breit, wie bei einem Schloß und so hoch wie bei einem Kirchturm. Das Eisengeländer sieht ja aus, wie die Tür zu einem alten Erbbegräbnis, dazu hat es noch Messingknöpfe. Das ist geschmacklos!”

Gerade gegenüber in der Straße standen auch neue und nette Häuser, und sie dachten wie die anderen. Aber am Fenster saß hier ein kleiner Knabe mit frischen, roten Wangen, mit klaren, strahlenden Augen, dem das alte Haus am besten gefiel sowohl im Sonnenschein wie im Mondschein. Wenn er nach der Mauer hinüber sah, wo der Kalk abgebröckelt war, konnte er sitzen und sich die wunderbarsten Bilder ausdenken: wie wohl die Straße früher ausgesehen haben mochte mit Treppen, Erkern und spitzen Giebeln. Er konnte Soldaten mit Hellebarden sehen, und Dachrinnen, die wie Drachen und Lindwürmer herumliefen. – Das war so recht ein Haus zum Betrachten. Und drüben wohnte ein alter Mann; der ging in Kniehosen, hatte einen Rock mit großen Messingknöpfen und eine Perrücke, bei der man sehen konnte, daß es eine wirkliche Perrücke war. Jeden Morgen kam ein alter Diener zu ihm, der aufräumte und Gänge besorgte. Sonst war der alte Mann in den Kniehosen ganz allein in dem alten Hause. Zwischendurch kam er wohl einmal ans Fenster und sah hinaus, und der kleine Knabe nickte zu ihm hinüber; der alte Mann nickte wieder, und so wurden sie Bekannte, und so wurden sie Freunde, obwohl sie niemals miteinander gesprochen hatten. Aber das war auch unnötig.

Der kleine Knabe hörte seine Eltern sagen: “Der alte Mann da drüben hat es gut, aber er ist so schrecklich allein!”

Am nächsten Sonntag nahm der kleine Knabe etwas, wickelte es in ein Stück Papier, ging vor die Tür, und als der Diener, der die Gänge besorgte, vorbeikam, sagte er zu ihm: “Hör, willst Du dem alten Mann da drüben das von mir bringen? Ich habe zwei Zinnsoldaten, dies ist der eine; er soll ihn haben, denn ich weiß, daß er so schrecklich allein ist.”

Und der alte Diener sah ganz vergnügt aus, nickte und trug den Zinnsoldaten hinüber in das alte Haus. Darauf kam von drüben ein Bote mit der Anfrage, ob der kleine Knabe wohl Lust hätte, selbst einmal herüber zu kommen und Besuch zu machen. Dazu bekam er von seinen Eltern Erlaubnis, und so kam er in das alte Haus hinüber.

Die Messingknöpfe am Treppengeländer glänzten viel stärker als sonst. Man hätte glauben mögen, daß sie des Besuches wegen poliert worden wären. Und es war, als ob die geschnitzten Trompeter – denn es waren geschnitzte Trompeter an der Tür, die in den Tulpen standen – aus Leibeskräften bliesen; ihre Backen sahen viel dicker aus als zuvor. Ja, sie bliesen: “Tratteratra. Der kleine Knabe kommt. Tratteratra!” und dann ging die Türe auf. Den ganzen Gang entlang hingen alte Porträts, Ritter in Harnischen und Frauen in Seidenkleidern. Und die Harnische rasselten und die seiden Kleider raschelten! Dann kam eine Treppe, die ging ein großes Stück hinauf und ein kleines hinab und dann war man auf einem Altan, der freilich sehr altersschwach und voller großer Löcher und Risse war, aber daraus hervor wuchsen Gras und Blätter; denn der ganze Altan, der Hof und die Mauern waren mit soviel Grün bewachsen, daß es wie ein Garten aussah. Aber es war nur ein Altan. Hier standen alte Blumentöpfe, die Gesichter und Eselsohren hatten. Die Blumen darin wuchsen aber ganz wie sie selbst wollten. In dem einen Topf liefen die Nelken nach allen Seiten über den Rand, das heißt das Grüne, Schößling neben Schößling, und ganz deutlich sagten sie: “Die Luft hat mich gestreichelt, die Sonne hat mich geküßt und mir am Sonntag eine kleine Blume versprochen, eine kleine Blume am Sonntag.”

Und dann kamen sie in eine Kammer hinein, wo die Wände mit Schweinsleder bezogen waren, darauf waren goldene Blumen gedruckt.

“Vergoldung vergeht, aber Schweinsleder besteht” sagten die Wände.

Und Lehnstühle standen da mit hohen Rücken, über und über geschnitzt, und mit Armen an beiden Seiten. “Sitz nieder! Sitz nieder!” sagten sie; “O, wie es in mir knackt! Nun bekomme ich die Gicht wie der alte Schrank. Gicht im Rücken. O!”

Und dann kam der kleine Knabe in die Stube hinein, wo der Erker war und wo der alte Mann saß.

“Schönen Dank für den Zinnsoldaten, mein kleiner Freund” sagte der alte Mann. “Und Dank, daß Du zu mir herüberkommst!”

“Dank, Dank,” oder “Knack, Knack,” sagte es in allen Möbeln. Da waren so viele, daß sie sich fast im Wege standen, um den kleinen Knaben anzusehen.

Mitten an der Wand hing eine Malerei mit einer wunderschönen Dame, so jung, so froh, aber ganz so gekleidet, wie vor alten Zeiten, mit Puder im Haar und Kleidern, die ganz steif um sie herum standen. Sie sagte weder “Dank” noch “Knack”, aber sah mit ihren freundlichen Augen den kleinen Knaben an, der sogleich den alten Mann fragte: “Wo hast Du sie her bekommen?”

“Drüben vom Trödler” sagte der alte Mann. “Da hängen soviele Bilder. Keiner kennt sie mehr und macht sich etwas daraus, denn alle sind nun begraben. Aber in alten Tagen habe ich sie gekannt; nun ist sie tot schon seit fast einem halben Jahrhundert”

Und unter der Malerei hing unter Glas ein verwelkter Blumenstrauß. Der hatte gewiß auch ein halbes Jahrhundert gesehen, so alt war er. Und der Perpendikel an der großen Uhr ging hin und her und der Zeiger drehte sich und alle Dinge in der Stube wurden immer älter, aber das merkten sie nicht.

“Sie sagen zuhause,” sagte der kleine Knabe, “daß Du so schrecklich einsam bist.”

“O,” sagte er, “die alten Gedanken mit allem, was sie so mit sich führen können, kommen und besuchen mich, und nun kommst Du ja auch. Mir geht es ganz gut.”

“Und dann nahm er vom Bücherbrett ein Buch mit Bildern. Darin waren ganze Aufzüge, die wunderlichsten Karossen, die man heute nicht mehr zu sehen bekommt, Soldaten wie auf den Spielkarten und Bürger mit wehenden Fahnen. Die Schneider hatten eine mit einer Schere, die von zwei Löwen gehalten wurde, und die Schuhmacher hatten eine ohne Stiefel, aber mit einem Adler, der zwei Köpfe besaß, denn die Schuhmacher müssen alles so haben, daß sie sagen können: das ist ein Paar. – Ja, das war ein Bilderbuch.

Und der alte Mann ging in die andere Stube, um Eingezuckertes und Äpfel und Nüsse zu holen; – es war wirklich prächtig hier drüben in dem alten Hause.

“Ich kann es nicht aushalten!” sagte der Zinnsoldat, der auf der Kommode stand; “hier ist es so einsam und traurig; nein, wenn man einmal Familienleben kennen gelernt hat, kann man sich hier nicht eingewöhnen. – Ich kann das nicht aushalten! Der ganze Tag ist so lang und der Abend noch länger. Hier ist es nicht wie drüben bei Dir, wo Deine Mutter und Dein Vater so fröhlich miteinander sprachen, und wo Du und alle Ihr süßen Kinder einen so prächtigen Spektakel machtet! Nein, wie allein der alte Mann ist. Glaubst Du, er bekommt einen Kuß? Glaubst Du, jemand macht ihm freundliche Augen oder einen Weihnachtsbaum? Er bekommt gar nichts, nur ein Begräbnis – Ich kann das nicht aushalten!”

“Du mußt es nicht so schwer nehmen!” sagte der kleine Knabe, “mir kommt es hier herrlich vor, und alle die alten Gedanken mit dem, was sie so mit sich führen können, kommen ja auch und machen Besuch.”

“Ja, die sehe ich nicht, und die kenne ich nicht” sagte der Zinnsoldat. “Ich kann das nicht aushalten!”

“Das mußt Du” sagte der kleine Knabe.

Und der alte Mann kam mit dem vergnügtesten Gesicht und mit dem herrlichsten Eingemachten und Äpfeln und Nüssen, und da dachte der kleine Knabe nicht mehr an den Zinnsoldaten.

Glücklich und froh kam der kleine Knabe heim. Es vergingen Wochen und Tage, es wurde zu dem alten Hause und von dem alten Hause hinübergenickt, und dann kam der kleine Knabe wieder hinüber.

Und die geschnitzten Trompeter bliesen: “Tratteratra. Da ist der kleine Knabe. Tratteratra” Und Schwerter und Rüstungen auf den alten Ritterbildern rasselten und die Seidenkleider raschelten, das Schweinsleder sprach und die alten Stühle hatten Gicht im Rücken: “au!” Es war ganz genau wie beim ersten Mal, denn hier drüben war ein Tag und eine Stunde ganz wie die andere.

“Ich kann das nicht aushalten!” sagte der Zinnsoldat. “Ich habe Zinn geweint! Hier ist es allzu traurig laß mich lieber in den Krieg ziehen und Arme und Beine verlieren! Das ist doch eine Abwechslung. Ich kann das nicht aushalten! – nun weiß ich, was das heißt, Besuch von seinen alten Gedanken zu bekommen, mit dem was sie mit sich führen können. Ich habe von meinen Besuch gehabt, und Du kannst mir glauben, es ist kein Vergnügen auf die Dauer. Ich war zuletzt nahe daran, von der Kommode zu springen. Euch alle da drüben sah ich so deutlich, als ob Ihr wirklich hier wäret; es war wieder der Sonntagmorgen – Du weißt doch noch. Alle Ihr Kinder standet vor dem Tische und sangt Eure Lieder, wie Ihr sie jeden Morgen singt. Ihr standet andächtig mit gefalteten Händen, und Vater und Mutter waren ebenso feierlich, und dann ging die Tür auf, und die kleine Schwester Maria, die noch nicht zwei Jahre alt war, und die immer tanzte, wenn sie Musik oder Gesang hörte, was für eine Art es auch sein mochte, wurde hereingeschoben. Sie sollte es nun eigentlich nicht – aber sie fing an zu tanzen, konnte jedoch nicht recht in den Takt kommen, denn die Töne waren so lang, und so stand sie erst auf dem einen Bein und bog den Kopf ganz nach vorn über, und dann auf dem andern Bein und den Kopf noch weiter vornüber, aber es wollte nicht recht gehen. Ihr standet alle ganz ernst da, obgleich es recht schwer hielt damit; ich aber lachte innerlich, und deshalb fiel ich vom Tische herunter und bekam eine Beule, mit der ich jetzt noch gehe, denn es war nicht recht von mir, zu lachen. Aber das Ganze zieht jetzt wieder innerlich an mir vorüber und noch manches andere, was ich so erlebt habe. Das werden wohl die alten Gedanken sein, mit allem, was sie mit sich führen können. Sag mir, singt Ihr noch immer an den Sonntagen? Erzähle mir ein bischen von der kleinen Maria. Und wie geht es meinem Kameraden, dem andern Zinnsoldaten? Ja, er ist wirklich glücklich. Ich kann das nicht aushalten.”

“Du bist weggeschenkt!” sagte der kleine Knabe. “Du mußt bleiben. Kannst Du das nicht einsehen?”

 


Und der alte Mann kam mit einem Kasten, worin es viele Dinge zu sehen gab, seltsame, kleine Häuschen, Balsambüchsen und alte Karten, so groß und dick vergoldet, wie man sie jetzt gar nicht mehr sieht. Und es wurden große Schubladen aufgezogen und das Klavier wurde geöffnet; das hatte eine Landschaft inwendig auf dem Deckel und war ganz heiser, als der alte Mann darauf spielte. Er summte dabei eine alte Weise.

“Ja, die konnte sie singen” sagte er, und dann nickte er zu dem Porträt hinüber, das er beim Trödler gekauft hatte, und des alten Mannes Augen leuchteten auf.

“Ich will in den Krieg! Ich will in den Kriegt” rief plötzlich der Zinnsoldat so laut er konnte und stürzte sich auf den Fußboden.

Ja, wo war er geblieben? Der alte Mann suchte, der kleine Knabe suchte, aber fort war er und fort blieb er. “Ich werde ihn schon finden!” sagte der Alte, aber er fand ihn nie mehr! Der Fußboden hatte allzu große Löcher und Ritzen. Der Zinnsoldat war durch eine Spalte gefallen, und dort lag er im offenen Grabe.

Und der Tag verging, und der kleine Knabe kam heim, und die Woche verging und noch viele Wochen. Die Fenster waren ganz zugefroren. Der kleine Knabe mußte sitzen und darauf blasen, um ein Guckloch zu dem alten Haus hinüber zu bekommen. Dort war der Schnee in alle Schnörkel und Inschriften hineingefegt. Er lag dicht über der Treppe, gerade, als sei niemand dort zuhause. Und es war auch niemand zuhause, der alte Mann war tot.

Am Abend hielt ein Wagen davor, und zu ihm herunter trug man ihn in seinem Sarge. Er sollte draußen auf dem Lande in seinem Erbbegräbnis beerdigt werden. Da fuhr er nun, aber niemand folgte, alle seine Freunde waren ja tot. Nur der kleine Knabe warf dem Sarge viele Kußhände nach, als er fortfuhr.

Einige Tage später war Auktion in dem alten Hause, und der kleine Knabe sah von seinem Fenster aus, wie man die alten Ritter und die alten Damen, die Blumentöpfe mit den langen Ohren, die alten Stühle und die alten Schränke wegtrug. Einiges kam hierhin, einiges dorthin. Das Porträt von ihr, das er beim Trödler gefunden hatte, kam wieder zum Trödler und dort blieb es hängen; denn nun kannte sie niemand mehr, und niemand kümmerte sich um das alte Bild.

Im Frühjahr riß man auch das Haus nieder, denn es sei nur ein altes Gerümpel, sagten die Leute. Von der Straße aus konnte man gerade in die Stuben mit dem Schweinslederbezug hineinsehen, der zerfetzt und heruntergerissen wurde. Und all das Grüne hing vom Altan wild um die fallenden Balken herab. – Und dann wurde dort aufgeräumt.

“Das half!” sagten die Nachbarhäuser.

Und es wurde ein herrliches, neues Haus dort gebaut mit großen Fenstern und weißen, glatten Mauern. Aber vorne, wo eigentlich das alte Haus gestanden hatte, wurde ein kleiner Garten angelegt, und zu des Nachbarhauses Mauern hinauf wuchsen wilde Weinranken. Vor den Garten kam ein großes eisernes Gitter mit eiserner Tür; das sah gar stattlich aus. Die Leute standen still und schauten hinein. Und die Spatzen hingen sich dutzendweil an die Weinranken und nahmen einander das Wort vom Munde, so gut sie konnten, aber es war nicht das alte Haus, worüber sie sprachen, denn darauf konnten sie sich nicht besinnen. Es waren nun schon so viele Jahre darüber hingegangen, daß der kleine Knabe zu einem großen Manne herangewachsen war, ja, zu einem tüchtigen Mann, an dem seine Eltern Freude hatten. Er hatte sich eben verheiratet und war mit seiner kleinen Frau hier in das Haus gezogen, wo der Garten war. Und er stand dort bei ihr, während sie eine Feldblume pflanzte, die sie gar niedlich fand. Sie pflanzte sie mit ihrer kleinen Hand und klopfte die Erde mit den Fingern fest. – Au, was war das? Sie hatte sich gestochen. Da saß etwas Spitzes gerade oben auf der weichen Erde.

Es war – ja denk nur. Es war der Zinnsoldat, er, der bei dem alten Mann da oben fortgekommen war, der inzwischen bei Zimmerholz und Schutt herumgebummelt, sich tüchtig getummelt und zuletzt viele Jahre lang in der Erde gelegen hatte.

Und die junge Frau wischte den Soldaten zuerst mit einem grünen Blatte, dann mit ihrem feinen Taschentuch ab; das hatte einen so lieblichen Duft. Und es war dem Zinnsoldaten, als erwache er aus einer Ohnmacht.

“Laß mich sehen!” sagte der junge Mann, dann lachte er und schüttelte den Kopf. “Ja, er kann es wohl nicht gut sein, aber er erinnert mich an eine Geschichte mit einem Zinnsoldaten, die geschah, als ich noch ein kleiner Knabe war.” Und dann erzählte er seiner Frau von dem alten Hause und dem alten Manne und dem Zinnsoldaten, den er ihm hinübergeschickt hatte, weil er so schrecklich allein war. Und er erzählte es ganz genau so, wie es wirklich gewesen war, so daß der jungen Frau Tränen in die Augen stiegen über das alte Haus und den alten Mann.

“Es kann doch sein, daß es derselbe Zinnsoldat ist!” sagte sie. “Ich will ihn aufbewahren und alles behalten, was Du mir erzählt hast. Aber des alten Mannes Grab mußt Du mir zeigen!”

“Ja, das weiß ich nicht,” sagte er, “und niemand weiß es. Alle seine Freunde waren tot, niemand kümmerte sich darum, und ich war ja ein kleiner Knabe.”

“Wie schrecklich allein muß er gewesen sein.” sagte sie.

“Schrecklich allein!” sagte der Zinnsoldat, “aber es ist herrlich, nicht vergessen zu sein.”

“Herrlich!” rief etwas dicht daneben; aber niemand außer dem Zinnsoldaten sah, daß es ein Fetzen von dem schweinsledernen Bezuge war. Er war ohne alle Vergoldung und sah aus wie nasse Erde, aber eine Meinung hatte er, und die sprach er aus:

“Vergoldung vergeht, Aber Schweinsleder besteht.” Doch das glaubte der Zinnsoldat nicht.

 

 

2 Tem, 2018

Hörbuch – Die Prinzessin auf der Erbse

 

Hans Christian Andersen
Die Prinzessin auf der Erbse

Es war einmal ein Prinz, der wollte eine Prinzessin heiraten. Aber das sollte eine wirkliche Prinzessin sein. Da reiste er in der ganzen Welt herum, um eine solche zu finden, aber überall fehlte etwas. Prinzessinnen gab es genug, aber ob es wirkliche Prinzessinnen waren, konnte er nie herausfinden. Immer war da etwas, was nicht ganz in Ordnung war. Da kam er wieder nach Hause und war ganz traurig, denn er wollte doch gern eine wirkliche Prinzessin haben.

Eines Abends zog ein furchtbares Wetter auf; es blitzte und donnerte, der Regen stürzte herab, und es war ganz entsetzlich. Da klopfte es an das Stadttor, und der alte König ging hin, um aufzumachen.

Es war eine Prinzessin, die draußen vor dem Tor stand. Aber wie sah sie vom Regen und dem bösen Wetter aus! Das Wasser lief ihr von den Haaren und Kleidern herab, lief in die Schnäbel der Schuhe hinein und zum Absatz wieder hinaus. Sie sagte, daß sie eine wirkliche Prinzessin wäre.

‘Ja, das werden wir schon erfahren!’ dachte die alte Königin, aber sie sagte nichts, ging in die Schlafkammer hinein, nahm alles Bettzeug ab und legte eine Erbse auf den Boden der Bettstelle. Dann nahm sie zwanzig Matratzen, legte sie auf die Erbse und dann noch zwanzig Eiderdaunendecken oben auf die Matratzen.

Hier sollte nun die Prinzessin die ganze Nacht über liegen. Am Morgen wurde sie gefragt, wie sie gesehlafen hätte.

»Oh, entsetzlich schlecht!« sagte die Prinzessin. »Ich habe fast die ganze Nacht kein Auge geschlossen! Gott weiß, was in meinem Bett gewesen ist. Ich habe auf etwas Hartem gelegen, so daß ich am ganzen Körper ganz braun und blau bin! Es ist ganz entsetzlich!«

Daran konnte man sehen, daß sie eine wirkliche Prinzessin war, da sie durch die zwanzig Matratzen und die zwanzig Eiderdaunendecken die Erbse gespürt hatte. So feinfühlig konnte niemand sein außer einer echten Prinzessin.

Da nahm sie der Prinz zur Frau, denn nun wußte er, daß er eine wirkliche Prinzessin gefunden hatte. Und die Erbse kam auf die Kunstkammer, wo sie noch zu sehen ist, wenn sie niemand gestohlen hat.

Seht, das war eine wirkliche Geschichte!

 

2 Tem, 2018

Das Feuerzeug

 

 

Hans Christian Andersen

Das Feuerzeug


Es kam ein Soldat die Landstraße dahermarschiert: Eins, zwei! Eins, zwei! Er hatte seinen Tornister auf dem Rücken und einen Säbel an der Seite, denn er war im Kriege gewesen und wollte nun heim. Da traf er eine alte Hexe auf dem Wege. Sie war garstig, ihre Unterlippe hing ihr bis auf die Brust hinab. Sie sagte: “Guten Abend, Soldat! Was für einen schönen Säbel du hast und was für einen großen Tornister! Du bist ein richtiger Soldat! Nun sollst du soviel Geld bekommen, wie du haben willst!” “Schönen Dank, alte Hexe!” sagte der Soldat.

“Kannst du den großen Baum sehen?” sagte die Hexe, und zeigte auf einen Baum, der an der Seite stand. Er ist innen ganz hohl! Dort sollst du hinaufklettern bis zur Spitze; dann siehst du ein Loch, durch welches du dich hinabgleiten lassen und tief in den Baum hinunterkommen kannst! Ich werde dir einen Strick um den Leib binden, damit ich dich wieder heraufziehen kann, wenn du mich rufst!”

“Was soll ich denn unten im Baum?” fragte der Soldat.

“Geld holen!”. sagte die Hexe. “Du mußt wissen, wenn du auf dem Grund des Baumes ankommst, so bist du in einem großen Gage; da ist es ganz hell, denn es brennen über hundert Lampen dort. Dann siehst du drei Türen. Du kannst sie aufschließen, der Schlüssel steckt darin. Gehst du in die erste Kammer hinein, so siehst du mitten auf dem Fußboden eine große Kiste, auf der ein Hund sitzt; er hat ein paar Augen so groß wie ein paar Teetassen, doch darum sollst du dich nicht kümmern! Ich gebe dir meine blaugewürfelte Schürze, die kannst du auf dem Fußboden ausbreiten; geh dann rasch hin und nimm den Hund, setze ihn auf meine Schürze, schließ die Kiste auf und nimm soviel Geld wie du willst; es ist lauter Kupfer. Wenn du aber lieber Silber haben willst, mußt du in das nächste Zimmer geben; doch dort sitzt ein Hund, der hat ein Paar Augen, so groß wie ein Paar Mühlräder; aber darum brauchst du dich nicht kümmern, setz ihn auf meine Schürze und nimm dir von dem Gelde! Willst du hingegen Gold haben, so kannst du auch das bekommen, und zwar soviel, wie du tragen magst, wenn du in die dritte Kammer hineingehst. Aber der Hund, der hier auf der Geldkiste sitzt, der hat zwei Augen, jedes so groß, wie der Runde Turm in Kopenhagen. Das ist ein gewaltiger Hund, kannst du glauben! Aber darum sollst du dich gar nicht kümmern! Setze ihn nur auf meine Schürze, dann tut er dir nichts, und nimm dir aus der Kiste so viel Gold du willst!”

“Das ist gar nicht so dumm!” sagte der Soldat. “Aber was soll ich dir geben, du alte Hexe? Denn etwas willst du wohl auch haben, denke ich!”

“Nein”, sagte die Hexe, “nicht einen einzigen Schilling will ich haben! Für mich sollst du nur ein altes Feuerzeug nehmen, das meine Großmutter vergaß, als sie das letzte Mal unten war!”

“Na, dann leg mir den Strick um den Leib!” sagte der Soldat.

“Hier ist er”, sagte die Hexe, “und hier ist meine blaugewürfelte Schürze.”

So kletterte der Soldat nun den Baum hinauf, ließ sich durch das Loch hinuntergleiten und stand unten, wie die Hexe es gesagt hatte, in dem großen Gange, wo die vielen hundert Lampen brannten.

Nun schloß er die erste Tür auf. Uh! da saß der Hund mit den Augen, so groß wie Teetassen und glotzte ihn an.

“Du bist mir ja ein netter Kerl!” sagte der Soldat, setzte ihn auf die Schürze der Hexe und nahm so viel Kupferschillinge, wie in seine Taschen hineingehen wollten, schloß dann die Kiste, setzte den Hund wieder darauf und ging in das andere Zimmer. Hei! da saß der Hund mit den Augen so groß wie ein Paar Mühlräder.

“Du solltest mich nicht so lange ansehen!” sagte der Soldat, “Du könntest Augenschmerzen bekommen!” und dann setzte er den Hund auf die Schürze der Hexe. Doch als er das viele Silbergeld in der Kiste sah, warf er alles Kupfergeld fort, was er hatte und füllte seine Taschen und den Tornister mit dem lauteren Silber. Nun ging er in die dritte Kammer! Nein, war das scheußlich! Der Hund darin hatte wirklich zwei Augen so groß wie der Runde Turm und die rollten im Kopfe herum gerade wie Mühlräder!

“Guten Abend!” sagte der Soldat und griff an die Mütze, denn solch einen Hund hatte er niemals vorher gesehen; aber als er ihn ein Weilchen angesehen hatte, dachte er, nun genügt es eigentlich, hob ihn auf den Fußboden herunter und schloß die Kiste auf. Nein, Gott bewahre, was war das für eine Menge Gold, ganz Kopenhagen konnte er dafür kaufen und die Zuckerferkel der Kuchenfrauen, alle Zinnsoldaten, Peitschen und Schaukelpferde in der ganzen Welt! Ja, da war wirklich einmal Geld! – Nun warf der Soldat alle die Silberschillinge, mit denen er seine Taschen und den Tornister gefüllt hatte, fort und nahm Gold dafür. Ja, alle Taschen, der Tornister, die Mütze und die Stiefel wurden gefüllt, so daß er kaum laufen konnte. Nun hatte er Geld! Den Hund setzte er wieder auf die Kiste, schlug die Türe zu und rief dann durch den Baum hinauf: “Zieh mich nun hinauf, alte Hexe!”

“Hast du das Feuerzeug mit?” fragte die Hexe.

“Wahrhaftig!” sagte der Soldat, “das habe ich reinweg vergessen”, und er ging und nahm es. Die Hexe zog ihn herauf, und da stand er wieder auf der Landstraße mit seinen Taschen, Stiefeln, dem Tornister und der Mütze voll Geld.

“Was willst du eigentlich mit dem Feuerzeug?” fragte der Soldat.

“Das geht dich nichts an!” sagte die Hexe, “Du hast ja nun G eld bekommen, gib mir nur das Feuerzeug!”

“Schnickschnack!” sagte der Soldat, “willst du mir wohl gleich sagen, was du damit willst, oder ich ziehe meinen Säbel und haue dir den Kopf ab!”

“Nein!” sagte die Hexe.

Da schlug ihr der Soldat den Kopf ab. Nun lag sie da! Aber er band all sein Geld in ihre Schürze, nahm sie wie ein Bündel auf den Rücken, steckte das Feuerzeug in die Tasche und ging geradeaus in die Stadt.

Das war eine prächtige Stadt und in dem prächtigsten Wirtshaus kehrte er ein und verlangte die allerbesten Zimmer und seine Leibgerichte, denn nun war er reich, da er soviel Geld hatte. Dem Diener, der seine Stiefel putzen sollte, schienen es eigentlich recht jämmerliche, alte Stiefel zu sein, für einen so reichen Herrn, aber er hatte sich noch keine neuen gekauft; am nächsten Tage kaufte er sich Stiefel, mit denen er sich sehen lassen konnte, und die schönsten Kleider! Nun war der Soldat ein vornehmer Herr geworden, und man erzählte ihm von all den prächtigen Dingen in der Stadt, und von ihrem Könige und was seine Tochter für eine hübsche Prinzessin war.

“Wo kann man sie zu sehen bekommen?” fragte der Soldat.

“Man kann sie überhaupt nicht zu sehen bekommen!” sagte man ihm, “sie wohnt in einem großen kupfernen Schlosse mit vielen, vielen Mauern und Türmen herum! Niemand außer dem König darf aus – oder eingehen bei ihr, denn es ist geweissagt, daß sie sich mit einem ganz gewöhnlichen Soldaten verheiraten wird, und das kann der König nicht zugeben.”

“Ich möchte sie wohl sehen!” dachte der Soldat, aber dazu konnte er ja eben keine Erlaubnis bekommen.

Nun lebte er lustig darauf los, ging ins Theater, fuhr in des Königs Garten und gab den Armen viel Geld, und das war wohlgetan; er wußte noch aus alten Tagen, wie schlimm es war, nicht einen Schilling zu besitzen! – Er war nun reich, hatte schöne Kleider und bekam viele Freunde, die alle sagten, er wäre ein feiner Kerl, ein richtiger Kavalier und das konnte der Soldat wohl leiden. Aber da er jeden Tag Geld ausgab und nie etwas hereinbekam, so hatte er zuletzt nicht mehr als zwei Schillinge übrig und mußte aus den schönen Zimmern, wo er gewohnt hatte, fortziehen in eine winzig kleine Kammer hinein ganz oben unter dem Drache, mußte selbst seine Stiefel bürsten und sie mit einer Stopfnadel zusammennähen, und keiner von seinen Freunden kam zu ihm, denn es waren so viele Treppen zu steigen.

Es war ein ganz dunkler Abend, und er konnte sich nicht einmal ein Licht kaufen; aber da fiel ihm ein, daß in dem Feuerzeug, das er aus dem hohlen Baum mitgebracht hatte, in welchen ihm die Hexe hinuntergeholfen hatte, ein kleiner Lichtstumpf gewesen war. Er holte das Feuerzeug und den Stumpf hervor, aber eben, als er Feuer schlug und die Funken aus dem Stein stoben, sprang die Türe auf, und der Hund, der Augen hatte so groß wie ein paar Teetassen, und den er unten unter dem Baume gesehen hatte, stand vor ihm und sagte: “Was befiehlt mein Herr?”

“Was ist denn das!” sagte der Soldat, “das wäre ja ein lustiges Feuerzeug, wenn ich so bekommen kann, was ich haben will. Schaff mir etwas Geld!” sagte er zu dem Hund, und wupp, war der fort und wieder da und hielt einen großen Beutel voll Geld in seinem Maule.

Nun wußte der Soldat, was für ein prächtiges Feuerzeug das war. Schlug er einmal, so kam der Hund, der auf der Kiste mit Kupfergeld saß, schlug er zweimal, so kam der, der das Silbergeld hatte, und schlug er dreimal, so kam der, der das Gold hatte. Nun zog der Soldat wieder hinunter in die hübschen Zimmer und ging in den guten Kleidern einher, und da kannten ihn gleich alle seine Freunde wieder; sie hielten so sehr viel von ihm.

Da dachte er einst: Es ist doch merkwürdig, daß man die Prinzessin nicht zu sehen bekommen darf. Sie soll so wunderschön sein, sagen alle; aber was kann das helfen, wenn sie immer in dem großen Kupferschloß mit den vielen Türmen sitzen muß. – Kann ich sie denn gar nicht zu sehen bekommen? – Wo ist denn mein Feuerzeug und nun schlug er Feuer und wupp, kam der Hund mit den Augen, so groß wie Teetassen.

“Es ist freilich mitten in der Nacht,” sagte der Soldat, “aber ich möchte so herzlich gern die Prinzessin sehen, nur einen kleinen Augenblick!”

Der Hund war stracks aus der Tür und ehe der Soldat es gedacht, sah er ihn mit der Prinzessin wieder. Sie saß und schlief auf dem Rücken des Hundes und war so schön, daß jedermann sehen konnte, daß es eine wirkliche Prinzessin war; der Soldat konnte nicht anders, er mußte sie küssen, denn er war eben ein richtiger Soldat.

Der Hund lief nun mit der Prinzessin wieder zurück, aber als am Morgen der König und die Königin Tee tranken, sagte die Prinzessin, sie habe heute Nacht einen so wunderlichen Traum geträumt von einem Hunde und einem Soldaten. Sie hätte auf dem Hunde geritten, und der Soldat hätte sie geküßt.

“Das wäre ja eine schöne Geschichte!” sagte die Königin.

Nun sollte eine von den alten Hofdamen die nächste Nacht am Bette der Prinzessin wachen, um zu sehen, ob es wirklich ein Traum war, oder was es sonst sein könnte.

Der Soldat hatte schreckliche Sehnsucht danach, die wunderschöne Prinzessin wiederzusehen, und so kam denn der Hund in der Nacht, nahm sie und lief was er konnte, doch die alte Hofdame zog Wasserstiefel an und lief ebenso schnell hinterdrein. Als sie nun sah, daß sie in einem großen Hause verschwanden, dachte sie: nun weiß ich, wo es ist, und malte mit einem Stück Kreide ein großes Kreuz auf die Tür. Dann ging sie nach Hause und legte sich wieder hin, und der Hund kam auch wieder mit der Prinzessin; als er aber sah, daß ein großes Kreuz auf die Tür gemalt war, wo der Soldat wohnte, nahm er auch ein Stück Kreide und machte Kreuze auf alle Türen in der ganzen Stadt, und das war klug getan, denn nun konnte ja die Hofdame nicht die richtige Tür finden, wenn an allen Kreuze waren.

Morgens früh kam der König und die Königin, die alte Hofdame und alle Offiziere, um zu sehen, wo die Prinzessin gewesen war.

“Da ist es!” sagte der König, als er die erste Tür mit einem Kreuze sah.

“Nein, dort ist es, mein lieber Mann!” sagte die Königin, als sie die zweite Tür mit dem Kreuze sah.

“Aber hier ist eins und dort ist auch eins” riefen alle; wohin sie sahen, waren Kreuze auf den Türen. Da mußten sie einsehen, daß ihnen das Suchen nichts helfen würde.

Doch die Königin war eine sehr kluge Frau, die mehr konnte, als bloß in der Kutsche fahren. Sie nahm ihre große goldene Schere, schnitt ein großes Stück Seidenzeug in Stücke und nähte einen kleinen niedlichen Beutel; den füllte sie mit feiner Buchweizengrütze, band ihn der Prinzessin auf den Rücken und als das getan war, schnitt sie ein kleines Loch in den Beutel, so daß die Grütze den ganzen Weg bestreuen mußte, den die Prinzessin nahm.

In der Nacht kam nun der Hund wieder, nahm die Prinzessin auf seinen Rücken und lief mit ihr zu dem Soldaten hin, der sie so lieb hatte und so gerne ein Prinz gewesen wäre, um sie zur Frau zu bekommen.

Der Hund merkte gar nicht, wie die Grütze den ganzen Weg entlang vom Schlosse bis zum Fenster des Soldaten streute, wo er die Mauer mit der Prinzessin hinauflief. Am Morgen konnten der König und die Königin genau sehen, wo ihre Tochter gewesen war, und da nahmen sie den Soldaten und warfen ihn in den Kerker.

Da saß er nun. Hu, wie dunkel und langweilig das war, und überdies sagte man zu ihm: “Morgen wirst du gehängt”. Das war nicht eben angenehm zu hören, und sein Feuerzeug hatte er zuhause im Wirtshause vergessen. Am Morgen konnte er durch die eisernen Stangen vor dem kleinen Fenster sehen, wie das Volk aus der Stadt eilte, um ihn hängen zu sehen. Er hörte die Trommeln und sah die Soldaten marschieren. Alle Leute waren unterwegs; da war auch ein Schusterjunge mit Schurzfell und Pantoffeln, der lief so im Galopp, daß sein einer Pantoffel abflog und gerade gegen die Mauer, wo der Soldat saß und zwischen den Eisenstangen herausguckte.

“He, Schusterjunge! Du brauchst nicht solche Eile zu haben. Es wird doch nichts daraus, ehe ich komme! Aber willst du nicht hinlaufen, wo ich gewohnt habe und mir mein Feuerzeug holen? Dann sollst du vier Schillinge haben! Aber du mußt Beine machen!” Der Schusterjunge wollte gern die vier Schillinge haben, lief pfeilgeschwind fort nach dem Feuerzeug, gab es dem Soldaten, und ja, nun werden wir hören!

Draußen vor der Stadt war ein großer Galgen gemauert. Rundum standen Soldaten und viele hunderttausend Menschen. Der König und die Königin saßen auf einem prächtigen Thron, den Richtern und dem ganzen Rate gegenüber.

Der Soldat stand schon oben auf der Leiter, aber als sie ihm den Strick um den Hals legen wollten, sagte er, daß doch stets einem armen Sünder, bevor er seine Strafe erleide, ein unschuldiger Wunsch gewährt werde. Er wolle so gern noch eine Pfeife Tabak rauchen, es sei ja die letzte Pfeife, die er in dieser Welt bekäme.

Das mochte der König nun nicht abschlagen, und so nahm der Soldat sein Feuerzeug und schlug Feuer, eins, zwei, drei! und alle Hunde standen da, der mit den Augen so groß wie Teetassen, der mit den Augen so groß wie ein Paar Mühlräder und der, der Augen hatte so groß wie der Runde Turm.

“Helft mir nun, daß ich nicht gehängt werde!” sagte der Soldat, und die Hunde fuhren auf die Richter und den ganzen Rat los, nahmen den einen bei den Beinen, den andern bei der Nase und warfen sie weit in die Luft, so daß sie beim Herunterfallen ganz in Stücke zerschlagen wurden.

“Ich will nicht!” sagte der König, aber der größte Hund nahm beide, ihn und die Königin, und warf sie allen anderen nach. Da erschraken die Soldaten, und alles Volk rief: “Lieber Soldat, du sollst unser König sein und die schöne Prinzessin haben!”

Dann setzten sie den Soldaten in des Königs Kutsche, und alle drei Hunde tanzten voran und riefen “Hurra!” und die Jungen pfiffen auf den Fingern, und die Soldaten präsentierten das Gewehr. Die Prinzessin kam aus dem kupfernen Schlosse heraus und wurde Königin, und das gefiel ihr ausgezeichnet! Die Hochzeit dauerte acht Tage, und die Hunde saßen mit am Tische und machten große Augen.

Es kam ein Soldat die Landstraße dahermarschiert: Eins, zwei! Eins, zwei! Er hatte seinen Tornister auf dem Rücken und einen Säbel an der Seite, denn er war im Kriege gewesen und wollte nun heim. Da traf er eine alte Hexe auf dem Wege. Sie war garstig, ihre Unterlippe hing ihr bis auf die Brust hinab. Sie sagte: »Guten Abend, Soldat! Was für einen schönen Säbel du hast und was für einen großen Tornister! Du bist ein richtiger Soldat! Nun sollst du soviel Geld bekommen, wie du haben willst!« »Schönen Dank, alte Hexe!« sagte der Soldat.

»Kannst du den großen Baum sehen?« sagte die Hexe, und zeigte auf einen Baum, der an der Seite stand. Er ist innen ganz hohl! Dort sollst du hinaufklettern bis zur Spitze; dann siehst du ein Loch, durch welches du dich hinabgleiten lassen und tief in den Baum hinunterkommen kannst! Ich werde dir einen Strick um den Leib binden, damit ich dich wieder heraufziehen kann, wenn du mich rufst!«

»Was soll ich denn unten im Baum?« fragte der Soldat.

 

 

 

 

»Geld holen!«. sagte die Hexe. »Du mußt wissen, wenn du auf dem Grund des Baumes ankommst, so bist du in einem großen Gange; da ist es ganz hell, denn es brennen über hundert Lampen dort. Dann siehst du drei Türen. Du kannst sie aufschließen, der Schlüssel steckt darin. Gehst du in die erste Kammer hinein, so siehst du mitten auf dem Fußboden eine große Kiste, auf der ein Hund sitzt; er hat ein paar Augen so groß wie ein paar Teetassen, doch darum sollst du dich nicht kümmern! Ich gebe dir meine blaugewürfelte Schürze, die kannst du auf dem Fußboden ausbreiten; geh dann rasch hin und nimm den Hund, setze ihn auf meine Schürze, schließ die Kiste auf und nimm soviel Geld wie du willst; es ist lauter Kupfer. Wenn du aber lieber Silber haben willst, mußt du in das nächste Zimmer geben; doch dort sitzt ein Hund, der hat ein Paar Augen, so groß wie ein Paar Mühlräder; aber darum brauchst du dich nicht kümmern, setz ihn auf meine Schürze und nimm dir von dem Gelde! Willst du hingegen Gold haben, so kannst du auch das bekommen, und zwar soviel, wie du tragen magst, wenn du in die dritte Kammer hineingehst. Aber der Hund, der hier auf der Geldkiste sitzt, der hat zwei Augen, jedes so groß, wie der Runde Turm in Kopenhagen. Das ist ein gewaltiger Hund, kannst du glauben! Aber darum sollst du dich gar nicht kümmern! Setze ihn nur auf meine Schürze, dann tut er dir nichts, und nimm dir aus der Kiste so viel Gold du willst!«

»Das ist gar nicht so dumm!« sagte der Soldat. »Aber was soll ich dir geben, du alte Hexe? Denn etwas willst du wohl auch haben, denke ich!«

»Nein«, sagte die Hexe, »nicht einen einzigen Schilling will ich haben! Für mich sollst du nur ein altes Feuerzeug nehmen, das meine Großmutter vergaß, als sie das letzte Mal unten war!«

»Na, dann leg mir den Strick um den Leib!« sagte der Soldat.

»Hier ist er«, sagte die Hexe, »und hier ist meine blaugewürfelte Schürze.«

So kletterte der Soldat nun den Baum hinauf, ließ sich durch das Loch hinuntergleiten und stand unten, wie die Hexe es gesagt hatte, in dem großen Gange, wo die vielen hundert Lampen brannten.

Nun schloß er die erste Tür auf. Uh! da saß der Hund mit den Augen, so groß wie Teetassen und glotzte ihn an.

»Du bist mir ja ein netter Kerl!« sagte der Soldat, setzte ihn auf die Schürze der Hexe und nahm so viel Kupferschillinge, wie in seine Taschen hineingehen wollten, schloß dann die Kiste, setzte den Hund wieder darauf und ging in das andere Zimmer. Hei! da saß der Hund mit den Augen so groß wie ein Paar Mühlräder.

»Du solltest mich nicht so lange ansehen!« sagte der Soldat, »Du könntest Augenschmerzen bekommen!« und dann setzte er den Hund auf die Schürze der Hexe. Doch als er das viele Silbergeld in der Kiste sah, warf er alles Kupfergeld fort, was er hatte und füllte seine Taschen und den Tornister mit dem lauteren Silber. Nun ging er in die dritte Kammer! Nein, war das scheußlich! Der Hund darin hatte wirklich zwei Augen so groß wie der Runde Turm und die rollten im Kopfe herum gerade wie Mühlräder!

»Guten Abend!« sagte der Soldat und griff an die Mütze, denn solch einen Hund hatte er niemals vorher gesehen; aber als er ihn ein Weilchen angesehen hatte, dachte er, nun genügt es eigentlich, hob ihn auf den Fußboden herunter und schloß die Kiste auf. Nein, Gott bewahre, was war das für eine Menge Gold, ganz Kopenhagen konnte er dafür kaufen und die Zuckerferkel der Kuchenfrauen, alle Zinnsoldaten, Peitschen und Schaukelpferde in der ganzen Welt! Ja, da war wirklich einmal Geld! – Nun warf der Soldat alle die Silberschillinge, mit denen er seine Taschen und den Tornister gefüllt hatte, fort und nahm Gold dafür. Ja, alle Taschen, der Tornister, die Mütze und die Stiefel wurden gefüllt, so daß er kaum laufen konnte. Nun hatte er Geld! Den Hund setzte er wieder auf die Kiste, schlug die Türe zu und rief dann durch den Baum hinauf: »Zieh mich nun hinauf, alte Hexe!«

»Hast du das Feuerzeug mit?« fragte die Hexe.

»Wahrhaftig!« sagte der Soldat, »das habe ich reinweg vergessen«, und er ging und nahm es. Die Hexe zog ihn herauf, und da stand er wieder auf der Landstraße mit seinen Taschen, Stiefeln, dem Tornister und der Mütze voll Geld.

»Was willst du eigentlich mit dem Feuerzeug?« fragte der Soldat.

»Das geht dich nichts an!« sagte die Hexe, »Du hast ja nun Geld bekommen, gib mir nur das Feuerzeug!«

»Schnickschnack!« sagte der Soldat, »willst du mir wohl gleich sagen, was du damit willst, oder ich ziehe meinen Säbel und haue dir den Kopf ab!«

»Nein!« sagte die Hexe.

Da schlug ihr der Soldat den Kopf ab. Nun lag sie da! Aber er band all sein Geld in ihre Schürze, nahm sie wie ein Bündel auf den Rücken, steckte das Feuerzeug in die Tasche und ging geradeaus in die Stadt.

Das war eine prächtige Stadt und in dem prächtigsten Wirtshaus kehrte er ein und verlangte die allerbesten Zimmer und seine Leibgerichte, denn nun war er reich, da er soviel Geld hatte. Dem Diener, der seine Stiefel putzen sollte, schienen es eigentlich recht jämmerliche, alte Stiefel zu sein, für einen so reichen Herrn, aber er hatte sich noch keine neuen gekauft; am nächsten Tage kaufte er sich Stiefel, mit denen er sich sehen lassen konnte, und die schönsten Kleider! Nun war der Soldat ein vornehmer Herr geworden, und man erzählte ihm von all den prächtigen Dingen in der Stadt, und von ihrem Könige und was seine Tochter für eine hübsche Prinzessin war.

»Wo kann man sie zu sehen bekommen?« fragte der Soldat.

»Man kann sie überhaupt nicht zu sehen bekommen!« sagte man ihm, »sie wohnt in einem großen kupfernen Schlosse mit vielen, vielen Mauern und Türmen herum! Niemand außer dem König darf aus – oder eingehen bei ihr, denn es ist geweissagt, daß sie sich mit einem ganz gewöhnlichen Soldaten verheiraten wird, und das kann der König nicht zugeben.«

»Ich möchte sie wohl sehen!« dachte der Soldat, aber dazu konnte er ja eben keine Erlaubnis bekommen.

Nun lebte er lustig darauf los, ging ins Theater, fuhr in des Königs Garten und gab den Armen viel Geld, und das war wohlgetan; er wußte noch aus alten Tagen, wie schlimm es war, nicht einen Schilling zu besitzen! – Er war nun reich, hatte schöne Kleider und bekam viele Freunde, die alle sagten, er wäre ein feiner Kerl, ein richtiger Kavalier und das konnte der Soldat wohl leiden. Aber da er jeden Tag Geld ausgab und nie etwas hereinbekam, so hatte er zuletzt nicht mehr als zwei Schillinge übrig und mußte aus den schönen Zimmern, wo er gewohnt hatte, fortziehen in eine winzig kleine Kammer hinein ganz oben unter dem Drache, mußte selbst seine Stiefel bürsten und sie mit einer Stopfnadel zusammennähen, und keiner von seinen Freunden kam zu ihm, denn es waren so viele Treppen zu steigen.

Es war ein ganz dunkler Abend, und er konnte sich nicht einmal ein Licht kaufen; aber da fiel ihm ein, daß in dem Feuerzeug, das er aus dem hohlen Baum mitgebracht hatte, in welchen ihm die Hexe hinuntergeholfen hatte, ein kleiner Lichtstumpf gewesen war. Er holte das Feuerzeug und den Stumpf hervor, aber eben, als er Feuer schlug und die Funken aus dem Stein stoben, sprang die Türe auf, und der Hund, der Augen hatte so groß wie ein paar Teetassen, und den er unten unter dem Baume gesehen hatte, stand vor ihm und sagte: »Was befiehlt mein Herr?«

»Was ist denn das!« sagte der Soldat, »das wäre ja ein lustiges Feuerzeug, wenn ich so bekommen kann, was ich haben will. Schaff mir etwas Geld!« sagte er zu dem Hund, und wupp, war der fort und wieder da und hielt einen großen Beutel voll Geld in seinem Maule.

Nun wußte der Soldat, was für ein prächtiges Feuerzeug das war. Schlug er einmal, so kam der Hund, der auf der Kiste mit Kupfergeld saß, schlug er zweimal, so kam der, der das Silbergeld hatte, und schlug er dreimal, so kam der, der das Gold hatte. Nun zog der Soldat wieder hinunter in die hübschen Zimmer und ging in den guten Kleidern einher, und da kannten ihn gleich alle seine Freunde wieder; sie hielten so sehr viel von ihm.

Da dachte er einst: Es ist doch merkwürdig, daß man die Prinzessin nicht zu sehen bekommen darf. Sie soll so wunderschön sein, sagen alle; aber was kann das helfen, wenn sie immer in dem großen Kupferschloß mit den vielen Türmen sitzen muß. – Kann ich sie denn gar nicht zu sehen bekommen? – Wo ist denn mein Feuerzeug und nun schlug er Feuer und wupp, kam der Hund mit den Augen, so groß wie Teetassen.

»Es ist freilich mitten in der Nacht,« sagte der Soldat, »aber ich möchte so herzlich gern die Prinzessin sehen, nur einen kleinen Augenblick!«

Der Hund war stracks aus der Tür und ehe der Soldat es gedacht, sah er ihn mit der Prinzessin wieder. Sie saß und schlief auf dem Rücken des Hundes und war so schön, daß jedermann sehen konnte, daß es eine wirkliche Prinzessin war; der Soldat konnte nicht anders, er mußte sie küssen, denn er war eben ein richtiger Soldat.

Der Hund lief nun mit der Prinzessin wieder zurück, aber als am Morgen der König und die Königin Tee tranken, sagte die Prinzessin, sie habe heute Nacht einen so wunderlichen Traum geträumt von einem Hunde und einem Soldaten. Sie hätte auf dem Hunde geritten, und der Soldat hätte sie geküßt.

»Das wäre ja eine schöne Geschichte!« sagte die Königin.

Nun sollte eine von den alten Hofdamen die nächste Nacht am Bette der Prinzessin wachen, um zu sehen, ob es wirklich ein Traum war, oder was es sonst sein könnte.

Der Soldat hatte schreckliche Sehnsucht danach, die wunderschöne Prinzessin wiederzusehen, und so kam denn der Hund in der Nacht, nahm sie und lief was er konnte, doch die alte Hofdame zog Wasserstiefel an und lief ebenso schnell hinterdrein. Als sie nun sah, daß sie in einem großen Hause verschwanden, dachte sie: nun weiß ich, wo es ist, und malte mit einem Stück Kreide ein großes Kreuz auf die Tür. Dann ging sie nach Hause und legte sich wieder hin, und der Hund kam auch wieder mit der Prinzessin; als er aber sah, daß ein großes Kreuz auf die Tür gemalt war, wo der Soldat wohnte, nahm er auch ein Stück Kreide und machte Kreuze auf alle Türen in der ganzen Stadt, und das war klug getan, denn nun konnte ja die Hofdame nicht die richtige Tür finden, wenn an allen Kreuze waren.

Morgens früh kam der König und die Königin, die alte Hofdame und alle Offiziere, um zu sehen, wo die Prinzessin gewesen war.

»Da ist es!« sagte der König, als er die erste Tür mit einem Kreuze sah.

»Nein, dort ist es, mein lieber Mann!« sagte die Königin, als sie die zweite Tür mit dem Kreuze sah.

»Aber hier ist eins und dort ist auch eins,« riefen alle; wohin sie sahen, waren Kreuze auf den Türen. Da mußten sie einsehen, daß ihnen das Suchen nichts helfen würde.

Doch die Königin war eine sehr kluge Frau, die mehr konnte, als bloß in der Kutsche fahren. Sie nahm ihre große goldene Schere, schnitt ein großes Stück Seidenzeug in Stücke und nähte einen kleinen niedlichen Beutel; den füllte sie mit feiner Buchweizengrütze, band ihn der Prinzessin auf den Rücken und als das getan war, schnitt sie ein kleines Loch in den Beutel, so daß die Grütze den ganzen Weg bestreuen mußte, den die Prinzessin nahm.

In der Nacht kam nun der Hund wieder, nahm die Prinzessin auf seinen Rücken und lief mit ihr zu dem Soldaten hin, der sie so lieb hatte und so gerne ein Prinz gewesen wäre, um sie zur Frau zu bekommen.

Der Hund merkte gar nicht, wie die Grütze den ganzen Weg entlang vom Schlosse bis zum Fenster des Soldaten streute, wo er die Mauer mit der Prinzessin hinauflief. Am Morgen konnten der König und die Königin genau sehen, wo ihre Tochter gewesen war, und da nahmen sie den Soldaten und warfen ihn in den Kerker.

Da saß er nun. Hu, wie dunkel und langweilig das war, und überdies sagte man zu ihm: »Morgen wirst du gehängt«. Das war nicht eben angenehm zu hören, und sein Feuerzeug hatte er zuhause im Wirtshause vergessen. Am Morgen konnte er durch die eisernen Stangen vor dem kleinen Fenster sehen, wie das Volk aus der Stadt eilte, um ihn hängen zu sehen. Er hörte die Trommeln und sah die Soldaten marschieren. Alle Leute waren unterwegs; da war auch ein Schusterjunge mit Schurzfell und Pantoffeln, der lief so im Galopp, daß sein einer Pantoffel abflog und gerade gegen die Mauer, wo der Soldat saß und zwischen den Eisenstangen herausguckte.

»He, Schusterjunge! Du brauchst nicht solche Eile zu haben. Es wird doch nichts daraus, ehe ich komme! Aber willst du nicht hinlaufen, wo ich gewohnt habe und mir mein Feuerzeug holen? Dann sollst du vier Schillinge haben! Aber du mußt Beine machen!« Der Schusterjunge wollte gern die vier Schillinge haben, lief pfeilgeschwind fort nach dem Feuerzeug, gab es dem Soldaten, und ja, nun werden wir hören!

Draußen vor der Stadt war ein großer Galgen gemauert. Rundum standen Soldaten und viele hunderttausend Menschen. Der König und die Königin saßen auf einem prächtigen Thron, den Richtern und dem ganzen Rate gegenüber.

Der Soldat stand schon oben auf der Leiter, aber als sie ihm den Strick um den Hals legen wollten, sagte er, daß doch stets einem armen Sünder, bevor er seine Strafe erleide, ein unschuldiger Wunsch gewährt werde. Er wolle so gern noch eine Pfeife Tabak rauchen, es sei ja die letzte Pfeife, die er in dieser Welt bekäme.

Das mochte der König nun nicht abschlagen, und so nahm der Soldat sein Feuerzeug und schlug Feuer, eins, zwei, drei! und alle Hunde standen da, der mit den Augen so groß wie Teetassen, der mit den Augen so groß wie ein Paar Mühlräder und der, der Augen hatte so groß wie der Runde Turm.

»Helft mir nun, daß ich nicht gehängt werde!« sagte der Soldat, und die Hunde fuhren auf die Richter und den ganzen Rat los, nahmen den einen bei den Beinen, den andern bei der Nase und warfen sie weit in die Luft, so daß sie beim Herunterfallen ganz in Stücke zerschlagen wurden.

»Ich will nicht!« sagte der König, aber der größte Hund nahm beide, ihn und die Königin, und warf sie allen anderen nach. Da erschraken die Soldaten, und alles Volk rief: »Lieber Soldat, du sollst unser König sein und die schöne Prinzessin haben!«

Dann setzten sie den Soldaten in des Königs Kutsche, und alle drei Hunde tanzten voran und riefen »Hurra!« und die Jungen pfiffen auf den Fingern, und die Soldaten präsentierten das Gewehr. Die Prinzessin kam aus dem kupfernen Schlosse heraus und wurde Königin, und das gefiel ihr ausgezeichnet! Die Hochzeit dauerte acht Tage, und die Hunde saßen mit am Tische und machten große Augen

 

 

2 Tem, 2018

Hörbuch – Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern

 

Hans Christian Andersen
Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern

Es war entsetzlich kalt; es schneite, und der Abend dunkelte bereits; es war der letzte Abend im Jahre, Silvesterabend. In dieser Kälte und in dieser Finsternis ging auf der Straße ein kleines armes Mädchen mit bloßen Kopfe und nackten Füßen. Es hatte wohl freilich Pantoffeln angehabt, als es von Hause fortging, aber was konnte das helfen! Es waren sehr große Pantoffeln, sie waren früher von seiner Mutter gebraucht worden, so groß waren sie, und diese hatte die Kleine verloren, als sie über die Straße eilte, während zwei Wagen in rasender Eile vorüberjagten; der eine Pantoffel war nicht wiederaufzufinden und mit dem anderen machte sich ein Knabe aus dem Staube, welcher versprach, ihn als Wiege zu benutzen, wenn er einmal Kinder bekäme.

Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten zierlichen Füßchen, die vor Kälte ganz rot und blau waren. In ihrer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzer und ein Bund hielt sie in der Hand. Während des ganzen Tages hatte ihr niemand etwas abgekauft, niemand ein Almosen gereicht. Hungrig und frostig schleppte sich die arme Kleine weiter und sah schon ganz verzagt und eingeschüchtert aus. Die Schneeflocken fielen auf ihr langes blondes Haar, das schön gelockt über ihren Nacken hinabfloß, aber bei diesem Schmucke weilten ihre Gedanken wahrlich nicht. Aus allen Fenstern strahlte heller Lichterglanz und über alle Straßen verbreitete sich der Geruch von köstlichem Gänsebraten. Es war ja Silvesterabend, und dieser Gedanke erfüllte alle Sinne des kleinen Mädchens.

In einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine etwas weiter in die Straße vorsprang als das andere, kauerte es sich nieder. Seine kleinen Beinchen hatte es unter sich gezogen, aber es fror nur noch mehr und wagte es trotzdem nicht, nach Hause zu gehen, da es noch kein Schächtelchen mit Streichhölzern verkauft, noch keinen Heller erhalten hatte. Es hätte gewiß vom Vater Schläge bekommen, und kalt war es zu Hause ja auch; sie hatten das bloße Dach gerade über sich, und der Wind pfiff schneidend hinein, obgleich Stroh und Lumpen in die größten Ritzen gestopft waren. Ach, wie gut mußte ein Schwefelhölzchen tun! Wenn es nur wagen dürfte, eins aus dem Schächtelchen herauszunehmen, es gegen die Wand zu streichen und die Finger daran zu wärmen! Endlich zog das Kind eins heraus. Ritsch! wie sprühte es, wie brannte es. Das Schwefelholz strahlte eine warme helle Flamme aus, wie ein kleines Licht, als es das Händchen um dasselbe hielt. Es war ein merkwürdiges Licht; es kam dem kleinen Mädchen vor, als säße es vor einem großen eisernen Ofen mit Messingbeschlägen und Messingverzierungen; das Feuer brannte so schön und wärmte so wohltuend! Die Kleine streckte schon die Füße aus, um auch diese zu wärmen – da erlosch die Flamme. Der Ofen verschwand – sie saß mit einem Stümpchen des ausgebrannten Schwefelholzes in der Hand da.

Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und an der Stelle der Mauer, auf welche der Schein fiel, wurde sie durchsichtig wie ein Flor. Die Kleine sah gerade in die Stube hinein, wo der Tisch mit einem blendend weißen Tischtuch und feinem Porzellan gedeckt stand, und köstlich dampfte die mit Pflaumen und Äpfeln gefüllte, gebratene Gans darauf. Und was noch herrlicher war, die Gans sprang aus der Schüssel und watschelte mit Gabel und Messer im Rücken über den Fußboden hin; gerade die Richtung auf das arme Mädchen schlug sie ein. Da erlosch das Schwefelholz, und nur die dicke kalte Mauer war zu sehen.

Sie zündete ein neues an. Da saß die Kleine unter dem herrlichsten Weihnachtsbaum; er war noch größer und weit reicher ausgeputzt als der, den sie am Heiligabend bei dem reichen Kaufmann durch die Glastür gesehen hatte. Tausende von Lichtern brannten auf den grünen Zweigen, und bunte Bilder, wie die, welche in den Ladenfenstern ausgestellt werden, schauten auf sie hernieder, die Kleine streckte beide Hände nach ihnen in die Höhe – da erlosch das Schwefelholz. Die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und höher, und sie sah jetzt erst, daß es die hellen Sterne waren. Einer von ihnen fiel herab und zog einen langen Feuerstreifen über den Himmel.

»Jetzt stirbt jemand!« sagte die Kleine, denn die alte Großmutter, die sie allein freundlich behandelt hatte, jetzt aber längst tot war, hatte gesagt: »Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott empor!«

Sie strich wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer; es warf einen weiten Lichtschein ringsumher, und im Glanze desselben stand die alte Großmutter hell beleuchtet mild und freundlich da.

»Großmutter!« rief die Kleine, »oh, nimm mich mit dir! Ich weiß, daß du verschwindest, sobald das Schwefelholz ausgeht, verschwindest, wie der warme Kachelofen, der köstliche Gänsebraten und der große flimmernde Weihnachtsbaum!« Schnell strich sie den ganzen Rest der Schwefelhölzer an, die sich noch im Schächtelchen befanden, sie wollte die Großmutter festhalten; und die Schwefelhölzer verbreiteten einen solchen Glanz, daß es heller war als am lichten Tag. So schön, so groß war die Großmutter nie gewesen; sie nahm das kleine Mädchen auf ihren Arm, und hoch schwebten sie empor in Glanz und Freude; Kälte, Hunger und Angst wichen von ihm – sie war bei Gott.

Aber im Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen, mit Lächeln um den Mund – tot, erfroren am letzten Tage des alten Jahres. Der Morgen des neuen Jahres ging über der kleinen Leiche auf, die mit den Schwefelhölzern, wovon fast ein Schächtelchen verbrannt war, da saß. »Sie hat sich wärmen wollen!« sagte man. Niemand wußte, was sie schönes gesehen hatte, in welchem Glanze sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war.

 

2 Tem, 2018

Das Kätzchen und die Stricknadeln

 

 
Ludwig Bechstein
Das Kätzchen und die Stricknadeln


Es war einmal eine arme Frau, die in den Wald ging, um Holz zu lesen. Als sie mit ihrer Bürde auf dem Rückwege war, sah sie ein krankes Kätzchen hinter einem Zaun liegen, das kläglich schrie. Die arme Frau nahm es mitleidig in ihre Schürze und trug es nach Hause zu. Auf dem Wege kamen ihre beiden Kinder ihr entgegen, und wie sie sahen, daß die Mutter etwas trug, fragten sie: »Mutter, was trägst du?« und wollten gleich das Kätzchen haben; aber die mitleidige Frau gab den Kindern das Kätzchen nicht, aus Sorge, sie möchten es quälen, sondern sie legte es zu Hause auf alte weiche Kleider und gab ihm Milch zu trinken. Als das Kätzchen sich gelabt hatte und wieder gesund war, war es mit einem Male fort und verschwunden.
 
Nach einiger Zeit ging die arme Frau wieder in den Wald, und als sie mit ihrer Bürde Holz auf dem Rückwege wieder an die Stelle kam, wo das kranke Kätzchen gelegen hatte, da stand eine ganz vornehme Dame dort, winkte die arme Frau zu sich und warf ihr fünf Stricknadeln in die Schürze. Die Frau wußte nicht recht, was sie denken sollte, und dünkte diese absonderliche Gabe ihr gar zu gering; doch nahm sie die fünf Stricknadeln des Abends auf den Tisch.

 

Aber als die Frau des andern Morgens ihr Lager verließ, da lag ein Paar neue fertiggestrickte Strümpfe auf dem Tisch. Das wunderte die arme Frau über alle Maßen, und am nächsten Abend legte sie die Nadeln wieder auf den Tisch, und am Morgen darauf lagen neue Strümpfe da. Jetzt merkte sie, daß zum Lohn ihres Mitleids mit dem kranken Kätzchen ihr diese fleißigen Nadein beschert waren, und ließ dieselben nun jede Nacht stricken, bis sie und die Kinder genug hatten. Dann verkaufte sie auch Strümpfe und hatte genug, bis an ihr seliges Ende.

 

 

2 Tem, 2018

Hörbuch – Der Adler und der Fuchs

 
 
Der Adler und der Fuchs

Ein Adler horstete auf einer hohen Eiche, und der Fuchs hatte sein Loch unten an derselben. Diese Nachbarschaft schien eine Freundschaft zur Folge zu haben. Aber ach, wie wenig aufrichtig war sie!

Als der Fuchs einmal des Abends auf Raub ausging, und der Adler gerade diesen Tag über aus Mangel an Beute mit seinen Jungen hatte fasten müssen, so glaubte er, der Hunger hebe jede Rücksicht der Freundschaft auf, stürzte sich auf die Füchschen, trug sie in seinen Horst und verschlang sie mit seinen Jungen; ein leckeres Mahl für sie und ihn! Kaum war der Fuchs zurückgekehrt, als er auch seine Jungen vermißte und den Frevel sogleich ahnte.

Ergrimmt über diese Verletzung der Freundschaft und von seinem Schmerz getrieben, stieß er eine Flut von Schmähungen gegen seinen früheren Freund, der nun sein heftigster Feind geworden war, aus, weil er sonst kein Mittel sah, sich zu rächen – und flehte den Zorn der Götter auf den Adler herab.

Ruhig, mit höhnischer Miene, schaute der Adler auf den erbitterten Fuchs und ahnte nicht, daß so bald die verdiente Strafe folgen würde.

In der Nachbarschaft war nämlich ein Fest, und die Landleute opferten ihren Göttern. Als die Eingeweide angezündet wurden, flog der Adler hinzu, raubte nach seiner Gewohnheit ein Stück und trug es in sein Nest. Allein ohne sein Wissen war glimmende Asche an diesem Stück hängengeblieben; sein Horst fing schnell Feuer, und da gerade ein heftiger Sturm wütete, so war das Nest bald von den Flammen verzehrt; die halbgebratenen Jungen fielen herab, und der Fuchs verzehrte sie vor den Augen des Adlers.

Dem Verbrecher wird sein Lohn.